4. Oktober 2009

Blind Dinner

... oder auch "Dinner in the dark".

Auf diese Veranstaltung freuten wir uns nun schon wochenlang. Gestern war es dann endlich soweit.

Nictom hatte ein paar Plätze für uns im "Kleinen Prinz" in Lüdenscheid organisieren können.
Mittlerweile gibt es diese Veranstaltungen aber bundesweit und ist z.B. auch über Mydays buchbar.

So. Und wie muss man sich das Ganze denn nun vorstellen?
Ganz einfach...

Man stelle sich vor, man sehe nix, dann hat man nämlich genau das vor Augen, was man tatsächlich (nicht) sieht.



Bereits beim Begrüßungstrunk im hellen Vorraum wird man gebeten, evtl. phosphorisierende Uhren abzunehmen und auch Handies müssen ausgeschaltet werden, damit sich kein Lichtlein in den Raum mogeln kann, in dem das eigentliche Essen stattfindet.



Bevor es aber ins Esszimmer ging, durfte man zumindest noch die Karte studieren. Diese war aber so kryptisch gehalten, dass man im Grunde nur zwischen Fisch, Fleisch und Vegetarisch wählen konnte. Es blieb also spannend, als ich mich für das fleischhaltige Gericht entschied.

Oder ahnt jemand, worum es sich bei "wir trafen ihn auf unserem Morgenspaziergang quer durch den Garten; er ist roh, aber fröhlich mit guten Manieren" handelt?
Ich wusste es nicht. ;-)

Nachdem ich mir mit dem ersten Federweißen genug Mut angetrunken hatte, führte uns die freundliche Christine durch zwei Vorhangschranken in absolute Finsternis und zu unseren Plätzen, indem sie uns nacheinander ans Händchen nahm, um uns blind bis an unseren Stuhl zu geleiten. Christine war die Bedienung, die uns durch die nächsten Stunden begleiten und bedienen sollte. Eine helfende Hand in der Dunkelheit.
Allein die Frage, welche Form unser Tisch denn hätte, warf schon lustige Rätsel auf, denn der Tisch war an einer Seite rund und hatte an der anderen Seite Ecken. Bis wir das aufgedröselt hatten, wer da was fühlte, wurden auch schon die ersten Lacher laut.

Auf dem Tisch hatten wir ziemlich rasch auch unser Besteck, die (später doch notwendige) Serviette und auch die Gläser gefunden, so dass wir uns doch ziemlich schnell zuprosten konnten.
Auf ein allgemeines Anstoßen wurde aus verständlichen Gründen verzichtet. Man soll das Schicksal schließlich nicht allzu doll herausfordern. ;-)

Nachdem auch die Augen ihren vergeblichen Kampf sich zu fokussieren endlich aufgegeben hatten, wurde das Sitzen in der Dunkelheit irgendwann tatsächlich entspannend.
Man lernt doch erstaunlich rasch, sich auf seine verbliebenen Sinne zu konzentrieren und der Tastsinn übernimmt einen Großteil des bisherigen Sehvermögens.
Wie heißt es doch so schön? Wo man keine Sicht hat, ist Fühlen keine Schande.
Gut, dass keiner ein Nachtsichtgerät dabei hatte. :-D

Und dann kam das Essen.
Das etwas kam, konnte man nur kurz erahnen, weil der Vorhang hinter uns einen klitzekleinen schmalen Lichtstreifen offenbarte und der Raum mit einem Mal köstlich nach Thymian roch.
Als endlich auch vor meiner Nase ein Teller stand, konnte ich genau soviel sehen:



Trotzdem habe ich todesmutig mit meiner Gabel auf dem Teller herumgestochert und als ich den ersten Bissen im Mund hatte, schmeckte ich köstlichen überbackenen Schafskäse in Olivenöl mit Thymian und gedünsteten Apfelspalten.
Zumindest nehme ich an, dass es sich ursprünglich um Apfelspalten handelte.
Als es in meinem Mund ankam, waren es nur noch Apfelhäppchen, die ich ziemlich orientierungslos auf meinem Teller zurechtgeschnippelt hatte.
Vor allem war es immer sehr überraschend, was genau ich mir immer in den Mund geschoben habe. Man konnte ja nicht sehen, was man da gerade aufpiekst hatte und die einzelnen Zutaten hatten auch noch dieselbe (Piek-)Konsistenz.

Ein prüfender Fingertest über den Teller ergab, dass ich alles ratzekahl leergefuttert hatte und so konnte ich Christiane stolz meinen leeren Teller überreichen.

Der prüfende Fingertest nach dem nächsten Gang hat sich heute morgen als nicht allzu sinnvoll gezeigt, weil meine Finger aussehen, als hätte ich sie eine Nacht in Rotkohl gebadet. Nun ja. Vielleicht nicht die ganze Nacht lang, aber doch die nächsten Stunden, die über Hauptgang und Nachspeise vergingen.

Es schmeckte alles superlecker, wenn auch manchmal unglaublich unerwartet. Wenn man also auf Spanferkel hofft und sich stattdessen Schnitzel in den Mund steckt, dann ist man doch etwas überrascht.

Erstaunlicherweise haben wir unseren Tisch kleckerfrei hinterlassen.
Nur mein Kinn musste ich einige Mal abwischen, weil sich der eine oder andere Tropfen Olivenöl gerne darauf abgelegt hat. Sowas soll ja aber auch gut für die Haut sein.

Als dann Stunden später die ersten funzeligen Kerzen in den Raum getrugen wurden, fühlte ich mich schon fast gestört. Auf jeden Fall aber war ich geblendet.
Unglaublich! Wo man doch als sehender Mensch sonst immer schon in der Dämmerung "Mehr Licht" schreit, damit man das Essen auf dem Teller erkennen kann.

Mein Fazit:
Das muss ich unbedingt noch einmal wiederholen, denn das war eine echt tolle Erfahrung und eine richtige Schulung für die Sinne.
Es war überhaupt nicht gruselig, sondern hatte ziemlich schnell einen urgemütlichen Charakter, zumal mein eigener Mann an meiner Seite mir schon fast ein absolut sicheres Gefühl vermittelt hat. Wenn ich dieses Dinner unter Fremden hätte genießen sollen, wüsste ich nicht, ob mir das dann auch so gelungen wäre. Aber auch das wäre ein Versuch wert.

Kommentare:

thecoyote hat gesagt…

Ich kann Steak mit Gemüsestäbchen auch im Dunklen futtern. :)

Meine größte Angst wäre ehrlich gesagt, dass ich mir versehentlich eine Ladung Spinat oder etwas ähnlich widerliches in den Rachen schaufle. *schauder*

thecoyote hat gesagt…

Übrigens ist für mich manchmal ein Kampf, wenn ich versuche, einen Wein zu beschreiben. Nicht, weil ich die Aromen nicht möchte, sondern eher, weil mir die Vokabeln fehlen: "den Geschmack kenne ich, das habe ich letztens noch gegessen, aber was zum Geier war das nochmal?"

Ich glaube, das drohte mir dort auch.

Perle hat gesagt…

Hah... Wir haben alles geoutet. Sogar die Kapernbeeren im Salat. Kleiner Tipp: mehr im Leben probieren, dann weiß man auch, wie was schmecken kann. ;-)
Trau Dich... Sonst gibt es hier das nächste Mal ein Dinner in the Dark für Coyoten, wo ich Steak gefüllt mit Gewürzspinat serviere. :-D

Frau Mahlzahn hat gesagt…

Das hört sich wirklich gut an -- obwohl ich definitiv nicht das Fleischgericht wählen würde, aus Furcht man würde mir Leber auftischen... Andererseits... die würde man ja eh schon zehn Meilen gegen den Wind riechen.

Kapernbeeren hätte ich übrigens auch rausgeschmeckt.

Danke für den Bericht, muss mich gleich mal umtun, ob es so was auch in unserer Nähe gibt. (Was es wohl gibt, ist ein Koch, der in seinem Privathaushalt für angemeldete Gruppen kocht, hört sich auch nett an).

So long,
Corinna

P.S.: Nix schwanger, eher so Adoptionsverfahren, *ggg*.

Nictom hat gesagt…

Ja, es war mal wieder sehr lustig beim Blinddate :-D
Werden wohl im Frühjahr ein weiteres Mal die absolute Dunkelheit samt Essen versuchen. Dann kommen Freunde aus Stuttgart und Nürnberg mit. Falls also der Coy sich mal an dunklen Gemüse versuchen möchte.

Mein vegetarischer Teller war allerdings recht schwierig zuerraten. Irgendein Bratling, nur mit welcher Füllung? Dann gabs Bratkartoffeln und Kräuterquark. Irgendwo gabs auch noch etwas wie Sauerkraut, nur nicht ganz so stark im Geschmack... Ohne Geschmacksverstärker vielleicht? Tobi ging es aber so ähnlich. Er wusste auch nicht, was er alles an Vegetarischem gegessen hat.

Bin aber froh, dass es allen gefallen hat und wenn nächstes Jahr Lüdenscheid als Stadt des Lichts wieder seine Lichtrouten eröffnet, gebe ich schnellstens Bescheid!

thecoyote hat gesagt…

Gemüse! oO Niemals, das ist nicht artgerecht. Ich muss auf gesunde Ernährung achten. Und Perle: das mit dem Spinat war eine ganz perfide Drohung. :( Das hätte ich von Dir nicht erwartet.

"Kapern! Kapern! Kapern! Kapern!" - "Schnauze."

(Falls jemand den Käpt'n Blaubär-Film gesehen hat.)

Coyote
(kennt Kapern auch)

SternenGucker hat gesagt…

Hallo Perlchen,
das mit dem Blind date iss nee coole Sache , denke sowas werde ich auch mal machen mit meinem Schatz.
Denke das war für dich ein voller Erfolg den Du kannst ja immer noch nix sehn. ;o) Der link befindet sich im Wörtchen HIER . Deine Tasche ist schön geworden.
Lg Gabi

Bea hat gesagt…

Das hört sich aber seeeehr interessant an.
Das müssen wir unbedingt auch mal machen! Ich begebe mich gleich mal auf die Suche, ob es sowas auch hier in der Nähe gibt. Danke für den Tipp! :-)

Paramantus hat gesagt…

Klingt wirklich lustig. Vielleicht sollte ich das auch mal machen. Sowas findet bei uns regelmäßig statt und war bis jetzt immer skeptisch... Mal sehen.